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Stimmen der chinesisch-deutschen Wirtschaft (Dr. Volker Treier-DIHK)

Stimmen der chinesisch-deutschen Wirtschaft
Mit unserer neuen Rubrik „Stimmen der deutsch-chinesischen Wirtschaft“ schaffen wir eine Plattform für relevante Persönlichkeiten, innovative Ideen und aktuelle Entwicklungen im deutsch-chinesischen Wirtschaftsumfeld.
In exklusiven Interviews sprechen wir mit Unternehmer:innen, Führungskräften, Investor:innen, Expert:innen und prägenden Stimmen aus Wirtschaft und Community über Markttrends, internationale Zusammenarbeit, Zukunftsvisionen und gegenwärtige Projekte zwischen Deutschland und China.
Dabei beleuchten wir unterschiedliche Perspektiven auf wirtschaftliche Chancen, kulturellen Austausch, Innovation und nachhaltige Partnerschaften. Unsere Gespräche geben Einblicke in persönliche Erfahrungen, unternehmerische Herausforderungen und die Menschen, die den deutsch-chinesischen Dialog aktiv mitgestalten.
Eine Interviewreihe voller inspirierender Impulse, relevanter Themen und spannender Persönlichkeiten aus zwei dynamischen Wirtschaftswelten.
© DIHK / Werner Schuering
Dr. Volker Treier, geboren 1969, studierte Volkswirtschaftslehre in Bamberg und Budapest und promovierte an der Universität Bamberg zum Dr. rer. pol.
Seit 2023 ist Dr. Volker Treier Außenwirtschaftsgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie Mitglied der Hauptgeschäftsführung. In dieser Funktion verantwortet er insbesondere die Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft in den Bereichen Außenwirtschaft und Europapolitik. Dr. Treier engagiert sich seit vielen Jahren intensiv im internationalen Wirtschaftsaustausch Deutschlands und hat auch die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen maßgeblich gefördert. Er ist zudem ein langjähriger Freund und Unterstützer der Chinesischen Handelskammer in Deutschland.
Wir fühlen uns sehr geehrt, Dr. Volker Treier für ein exklusives Interview gewonnen zu haben.

1. Angesichts der komplexen und sich wandelnden globalen Lage: Wie beurteilen Sie die Perspektiven der deutsch-chinesischen Wirtschafts- und Handelszusammenarbeit in diesem Jahr?

Trotz geopolitischen Gegenwinds bleibt China ein unverzichtbarer Markt. Mehr als 50 Prozent der hier tätigen deutschen Unternehmen geben an, dass der chinesische Markt für ihre globale Wettbewerbsfähigkeit von zentraler Bedeutung ist.

Die Gesamtaussichten sind von verhaltenem Optimismus geprägt. Die Ära des rasanten, zweistelligen Wachstums mag vorüber sein, doch es beginnt nun ein neues Kapitel. Deutsche Unternehmen setzen fortan auf Qualität statt Quantität. Sie verkaufen nicht mehr bloß nach China, sondern treiben Innovationen in und gemeinsam mit China voran, um ihre Wettbewerbsfähigkeit – sowohl vor Ort als auch weltweit – zu stärken.

 

2. In welchen Branchen sehen deutsche Unternehmen derzeit das größte Potenzial für eine Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern? Wo bestehen aus Ihrer Sicht die stärksten gemeinsamen Interessen und Zukunftschancen?

Aus deutscher Unternehmensperspektive ist unser Engagement in diesem Markt pragmatisch, strategisch und langfristig ausgerichtet. Wir sind davon überzeugt, dass die großen Trends unserer Zeit – wie etwa Smart Manufacturing, Medizintechnik, erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft – erhebliches Potenzial für eine noch intensivere Zusammenarbeit bieten: von der Elektromobilität bis zur industriellen Effizienz, von der medizinischen Versorgung bis hin zu intelligenten KI-Anwendungen – um nur einige Beispiele zu nennen.

Trotz der gemeinsamen Erfolgsgeschichten gibt es geschäftliche Herausforderungen, die angegangen und gelöst werden müssen: Abgesehen von den für Seltene Erden benötigen deutsche Unternehmen nach wie vor einen besseren Marktzugang und Gleichbehandlung, mehr Transparenz bei regulatorischen Prozessen sowie verlässliche Verfahren zum Schutz des geistigen Eigentums.

Doch mein persönlicher Ausblick ist von großer Zuversicht geprägt – vorausgesetzt, wir bleiben weiterhin im Dialog und bauen auf dem starken Fundament auf, das der Besuch des Bundeskanzlers für die künftige Zusammenarbeit gelegt hat.

 

3. Laut Daten von GTAI gibt es inzwischen mehr als 6.800 in Deutschland registrierte Unternehmen, bei denen die chinesische Muttergesellschaft mehr als 50 % der Anteile hält. Diese Unternehmen haben über 110.000 Arbeitsplätze geschaffen. Gleichzeitig sehen sich viele bereits in Deutschland investierende Unternehmen mit Herausforderungen im Bereich Human Resources konfrontiert – insbesondere hohen Personalkosten und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter Fachkräfte. Welche Empfehlungen würden Sie diesen Unternehmen geben?

Diese Unternehmen sollen sich gerne auch bei uns melden. Es ist wichtig für uns ein Verständis darüber aufzubauen, was ausländische Unternehmen brauchen, um sich im Wirtschaftsstandort Deutschland niederzulassen.

Deutschland ist kein Niedriglohnland, bietet aber entsprechend hochwertige, gut ausgebildete Arbeitskräfte und eine solide Infrastruktur, die für den Erfolg von Auslandsinvestitionen notwendig ist. Deutschland gilt nach wie vor als das Land der Ingenieure, Maschinenbauer und der technischen Innovation – und es steht für Qualität. Auch die geografische Lage mitten in Europa und damit der gute Zugang zu anderen europäischen Märkten spricht für Deutschland. Mehr als die Hälfte der chinesischen Unternehmen, die in Europa investieren, lenken ihre Aktivitäten von Deutschland aus, und ein Drittel steuert zudem von hier aus seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Deutschland gilt als verlässlicher Partner und als rechtsischeres Land mit hoher Lebensqualität – das heißt aber nicht, dass wir die Standortbedingungen nicht auch noch viel weiter verbessern können und müssen. 

 

4.Die deutsche Regierung betont gegenüber China das Prinzip des „De-Risking“ statt eines „Decoupling“. In der praktischen Umsetzung erscheint die Grenze zwischen beiden Ansätzen jedoch oft unscharf, was negative Auswirkungen auf normale Investitionen und Geschäftstätigkeiten haben kann. Wie definieren Sie die Grenzen dieser Politik?

Es ist nicht unsere Aufgabe die Grenzen der Politik zu definieren, sondern die strategische Ausrichtung der Bundesregierung zu verstehen und enstprechend unsere Empfehlungen an die Wirtschaft in Deutschland anzupassen und gleichzeitig die Interessen der Wirtschaft auf höchster Ebene zu vertreten.

Ich persönlich möchte mich auch gar nicht zu sehr mit Begrifflichkeiten aufhalten, sondern dafür sorgen, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland die bestmöglichen Bedingungen für zukunftsfähige, belastbare Wirtschaftsbeziehungen mit ausländischen Partnern aufbauen kann. Das schaffen wir nur im steten Dialog mit der Politik – und die Politik sucht auch den Dialog mit uns, was sehr wichtig für uns ist und sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist. 

 

5. Ihre Erwartungen: Während des China-Besuchs von Friedrich Merz haben die CHKD und die German Chamber of Commerce in China (AHK) ein Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnen. Welche positiven Impulse könnte dies Ihrer Ansicht nach für die deutsch-chinesische Wirtschafts- und Handelszusammenarbeit geben?

Ein MoU ist genau das: ein positiver Impuls. Sowohl die AHK als auch die CHKD arbeiten bereits an spannenden Ideen, um die Kooperation mit viel Leben zu füllen. Wir erhoffen uns, dass unsere vertiefte Zusammenarbeit ein realistisches Bild über die Bedürfnisse, Herausforderungen und Chancen der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen zeichnen wird, welches der Unternehmenerschaft beider Länder eine Kooperation auf Augenhöhe erleichtern wird. Ich habe mir sagen lassen, dass das chinesische Sprichwort aus der Han Dynastie 谋远虑 (shēn móu yuǎn lǜ) hier ganz passend sein könnte: Tiefe Pläne schmieden und weitreichende Gedanken über die Zukunft haben. Das ist hier unser Anspruch. 

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